Fremde Texte

Es gibt einige Gründe für mich, einen fremden Text zu animieren. Zum Beispiel, wenn ich ihn für wichtig erachte oder er mir einfach gut gefällt. Das sind, finde ich, nicht die schlechtesten Gründe. Jedenfalls ist die Animation und das Sprechen eines Textes ein Akt der Aneignung. Ja, ich stelle mich in den Dienst eines Textes und versuche ihn, lebendig werden zu lassen. Aber es ist immer eine persönliche Interpretation. Denn ich versuche, einen Text so lebendig werden zu lassen, wie ich mir das vorstelle.

Abgesehen davon, daß sich bei bereits verschiedenen Autoren, insofern sie nur lange genug tot sind (mindestens 70 Jahre), keine Honorarforderungen ergeben (wegen Gemeinfreiheit), und die könnte ich nicht erfüllen, denn durch die Videos kommt ja nichts rein, kollidieren dabei auch keine Vorstellungen, wie das Ergebnis aussehen soll. Tote Autoren widersprechen nicht. Das macht vieles einfacher. Jedenfalls hat es sich bisher nicht ergeben, Texte eines lebenden fremden Autors zu animieren und gegebenenfalls auch zu sprechen. Für die Zukunft möchte ich das aber keineswegs ausschließen.

Manchmal habe ich einen neuen Effekt und will ihn ausprobieren. Dann suche ich mir einen passenden Text dazu. Normalerweise ist es ja umgekehrt. Da ist ein Text. Zunächst suche ich dazu eine passende Schrift. Dann geht es um die Schriftfarbe. Von der leitet sich zumeist die Hintergrundfarbe ab. Gibt es ein Bild zum Text oder soll während des Sprechens eine Kalligraphie entstehen?

Es hat sich der Arbeitsablauf ergeben, zunächst einen Text vollständig zu setzen, bevor ich ihn zu sprechen anfange. Ist es ein kurzer Text, geschieht das in einem Rutsch, ansonsten abschnitts- oder sogar absatzweise. Die Tonaufnahme und der gesetzte Text müssen synchronisiert werden. Das heißt, für jedes Wort ist zu notieren, ab und bis wann es gesprochen wird. Das geschieht per Hand, naja, also mit einem speziellen Editor, den ich mir zu diesem Zweck programmiert habe (und den ich auch für das Setzen des Textes verwende). Aber automatische Texterkennung gibt es da (noch) nicht. Eine Minute gesprochenen Text am Tag zu synchronisieren, ist gut möglich, ab zwei Minuten wird es aber dann echt anstrengend.

Ist sie Synchronisation erledigt, entsteht eine Vorschau des Videos. Das ist eine kleinere Version, die nicht so rechenintensiv ist. In der Regel neige ich dazu, sämtliche Fehler zu machen, die bis dahin gemacht werden können, und meist sogar noch ein paar mehr (in dieser Hinsicht kennt meine Kreativität keine Grenze). In der Vorschau fallen die dann hoffentlich alle auf und können korrigiert werden. Jede Korrektur erfordert natürlich erneut die Erstellung einer Vorschau, die dann wieder zu prüfen ist. Und wenn dann die Untertitel korrekt angebracht wurden, die kinetischen Texteffekte und die grafischen Effekte wunschgemäß ausgefallen sind, entsteht schließlich das fertige Video in FullHD.

Marcus Daniel Cremer (26. August 2019)