Vielleicht kennen Sie Der entwendete Brief von Edgar Allan Poe. Die Pointe ist, daß dieser Brief lange unentdeckt blieb, weil er eben nicht versteckt war, sondern offen in einer Ablage lag. Genauso fühle ich mich manchmal. Als hätte ich die beste Methode entdeckt, im Geheimen zu arbeiten. Gerade indem ich dies öffentlich tue. Das Interesse an dem, was ich mache, hält sich in engen Grenzen. Insofern gebe ich mich keinen Illusionen hin, daß das, was ich hier schreibe, auf Anteilnahme stoßen wird. Ich schreibe es insofern aus dem Bedürfnis heraus, etwas festzuhalten (in erster Linie für mich selbst), nicht damit es von anderen gelesen wird. Das soll nicht heißen, daß andere es nicht lesen könnten. Hier wird sicher nichts zu finden sein, was als ein Geheimnis zu werten wäre. Hier schreibt nur einer über das, was er seine Arbeit nennt.

Woraus besteht nun diese Arbeit? Ich mache Videos, in denen ich gesprochenen Text mit kinetischer Typoghraphie kombiniere. Begonnen habe ich damit Anfang 2017. Die Videos habe ich auf Youtube eingestellt. Zu der Zeit gab es noch keine Hürde, ab wann Werbung vor Videos geschaltet wurde. Tatsächlich konnte ich in der Anfangszeit Werbeeinnahmen von 0,31 Euro erreichen. Das Geld habe ich natürlich nie gesehen, denn ausgezahlt wird erst ab dem Erreichen eines höheren Betrags. Dann aber entzogen einige Werbetreibende Youtube die Anzeigen, weil ihre Clips vor Filmen gezeigt wurden, die ihnen unpassend erschienen (Gewalt- oder Hetzvideos). So nachvollziehbar das ist, aber hat die Presse nicht lange, harte Kämpfe durchgestanden, um sich gegen die Einflußnahme der Werbeindustrie auf redaktionelle Inhalte zu verwehren? Aber Youtube kennt ja keine redaktionellen Inhalte, schlicht weil es dort keine Redaktion gibt. Wer zahlt hat ja bekanntlich Recht, und deswegen wurden zunächst Videos auf ihre Werbetauglichkeit hin überprüft. Das hieß für mich konkret, daß die Rede, die Otto Wels am 23. März 1933 wider Hitlers Ermächtigungsgesetz gehalten hat, und die ich mit kinetischer Typographie animiert hatte, demonetarisiert wurde. Der Werbeindustrie ist ja nun wirklich nicht zuzumuten, daß ihre Clips in Zusammenhang mit einem Video zu sehen sind, in der es um Unterdrückung, Diktatur und Nationalsozialismus geht. Ich habe mich trotzdem darüber aufgeregt. Genutzt hat es natürlich nichts. Immerhin habe ich bei der Gelegenheit Dailymotion kennengelernt. Seitdem sind meine Videos auch dort zu finden.

Offenbar hat Youtube bald gemerkt, daß der maschinelle Redakteur nicht sonderlich verläßlich ist. Also haben sie eine Schwelle eingeführt, unterhalb der es keine Werbung zu den Videos gibt. Mindestens 10.000 Klicks sollten es sein. Davon war ich weit entfernt. Aber es erschien mir ein erreichbares Ziel. Also habe ich viele Videos gemacht, weil je mehr Videos es gibt, desto mehr können aufgerufen werden. Mein Vertrauen in Youtube war allerdings schon sehr angekratzt. Ich hatte bei all meinen Videos eingestellt, daß sie nur in einem monetarisierten Umfeld gezeigt werden dürfen. Youtube hat diese Videos dann aber nach der Demonetarisierung keineswegs nicht mehr gezeigt. Was ich eingestellt hatte, interessierte die einen feuchten Kehrricht. Dabei sind das doch eigentlich meine Videos und ich habe die Rechte, wann was gezeigt werden darf. Natürlich hätte ich sie löschen können. Meine Entscheidung, das nicht zu tun. So funktioniert Youtube!

Gelöscht habe ich die Videos dann tatsächlich irgendwann. Das war dann 2018, nachdem im Januar die 10.000 Klick-Regelung gestrichen und durch eine andere ersetzt wurde. Nun sollten es 1.000 Abonennten und 4.000 Stunden Watchtime innerhalb des letzten Jahres sein. Da wurde mir klar, daß ich keine Chance habe, jemals über diese Hürde zu kommen. Auf Dailymotion hat das auch nicht so gut wie erhofft funktioniert. Wer gesehen werden will, kommt an Youtube nicht vorbei. Ansonsten könnten sie sich auch nicht so verhalten, wie sie es tun. Eine Weile habe ich Videos mit geringerer Qualität bei Youtube hochgeladen, wohingegen die Videos in voller Qualität bei Dailymotion landeten. Bis ich gemerkt habe, daß Dailymotion die Videos überhaupt nicht in voller Qualität gezeigt hat. Zu sehen waren dort lieblos heruntergerechnete Versionen, die schlechter anzusehen waren als die speziell im kleinen Format erstellten Videos. In voller Qualität waren die Videos überhaupt nicht abzurufen. So nicht! Seitdem sind die Videos in geringerer Qualität bei Dailymotion und die Videos in voller Qualität bei Youtube zu sehen. Aber das ist auch keine Lösung, die mich auf Dauer befriedigt.

Mir wurde mal quasi unterstellt, mir ginge es mit meinen Videos darum, Leuten Lyrik nahezubringen. Weiter an meinen Motiven vorbei könnte man gar nicht liegen. Fremde Texte zu animieren ist für mich ein Experimentierfeld. Da kann ich ausprobieren, was mir alles mit kinetischer Typographie möglich ist. Entstanden ist die kinetische Typographie im Zusammenhang der Fimtitel. Alfred Hitchcocks Der unsichtbare Dritte (1959) gilt als einer ihrer ersten Meilensteine. Saul Bass läßt die schriftlichen Informationen auf der verglasten Fassade eines Hochhauses erscheinen. Danach entdeckte insbesondere die Werbeindustrie die kinetische Typographie für sich. Mich überzeugte ein Video, das den Text Language von Stephen Fry animiert. Demgegenüber fühlt sich die kinetische Typographie, wie ich sie betreibe, eher traditionellen Druckwerken verpflichtet.

Es muß wohl Programme geben, mit denen man kinetische Typographie animieren kann. Ich schreibe meine selbst. Mittlerweile arbeite ich gerade an der achten Version. Die ersten Versionen waren in C++ mit Qt geschrieben. Da ich mir insbesondere in Hinblick auf Nebenläufigkeit eine höhere Performance davon versprochen habe, bin ich mittlerweile auf Java umgestiegen. Tatsächlich läuft es nun schneller. Eigentlich kann Java nicht schneller sein als C++. Vermutlich liegt es daran, daß ich ein besserer Programmierer in Java als in C++ mit Qt bin, trotzdem ich diese Sprache erst neu lernen mußte.

Ich bin, wie bei allem anderen, auch beim Programmieren Autodidakt. Begonnen habe ich als Schriftsteller, und als der verstehe ich mich eigentlich noch immer. Programmieren ist für mich nur eine andere Art des Schreibens. Aber ich programmiere nicht nur, ich verfasse auch literarische Texte. Naja, eigentlich ist es mittlerweile nur noch ein einziger Text, ein fürchterlich ausufernder, endloser, unabgeschlossener Roman, an dem ich auch schon längere Zeit nichts mehr getan habe. Ein Schnipsel davon, auf den ich einigermaßen stolz bin, hat es wenigstens zu einem Ebook geschafft.

Das erste Video, das ich bei Youtube eingestellt habe, war der erste Abschnitt dieses unabgeschlossenen Romans. Und damit sind wir genau da, worum es mir geht: Meine eigenen Texte mit kinetischer Typographie zu präsentieren. In dieser Form fließt alles zusammen, was mich ausmacht: mein Schreiben, mein Programmieren, mein Interesse am Büchermachen (ich hatte auch mal einen Winzverlag), was ich von meinen Eltern an künstlerischer Vorbelastung mitbekommen habe. Das einzige, was mir daran eher mißfällt, ist die eigene Stimme. Die mag ich eigentlich gar nicht. Aber ohne Stimme ist das mit dem gesprochenen Text schwierig.

Zumindest mir ist es nicht möglich, damit Geld zu machen. Mittlerweile habe ich auch einen Account bei Vimeo eingerichtet. Da bekomme ich nicht nur kein Geld für meine Videos, ich darf sogar noch dafür zahlen, daß sie zu sehen sind. Dafür aber habe ich mehr oder minder die Kontrolle. Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, meine eigenen Texte noch einmal bei Youtube oder Dailymotion hochzuladen. Aber die eigenen Texte mit kinetischer Typographie zu animieren, das ist eigentlich das von mir angestrebte Ziel.

Es ist klar, was ich mache, spielt sich in einer Nische ab, einer winzig kleinen Nische. Wenn Videos nicht mehr auf Youtube zu sehen sind, bekommen sie kaum Aufrufe. Aber vielleicht ist es ein Fehler, nach den vielen Aufrufen zu schielen. Nach und nach begreife ich, daß ich selbst eine Plattform für meine Arbeit schaffen muß, so winzig sie auch sein mag. Und diese Plattform ist genau hier. [25.03.2019]